Stimmen aus der Stadt IWAKI in der Provinz Fukushima

 

Bericht vom November 2012 (Eineinhalb Jahre nach der Erdbebenkatastrophe)

Im April und August 2011 war ich zusammen mit der Hilfsorganisation EARTH in Iwaki / Fukushima, um bei den Aufräumungsarbeiten zu helfen. Aus dieser gemeinsamen Erfahrung heraus entwicklte sich die Idee für das KOINOBORI Projekt, in dem gemeinsam für die Betroffenen Spenden gesammelt wurden.

Eineinhalb Jahre nach der Erbbebenkatastrophe im November 2012 konnte ich die Orte wieder besuchen und mit einigen Betroffenen Gespräche führen. Der vorliegende Bericht ist auf der Grundlage dieser persönlichen Gespräche entstanden und als „Stimmen aus der Stadt IWAKI in der Provinz Fukushima “ zusammengefasst.

Je mehr Zeit seit der Katastrophe vergangen ist, desto weniger Möglichkeiten gibt es, aktuelle Berichte aus diesen Orten zu bekommen.

Deswegen war dieser Wiederbesuch in Fukushima für mich eine sehr intensive und wichtige Erfahrung. Jetzt möchte ich als Initiatorin von kokemoos gern überlegen, wie wir die Regionen weiterhin unterstützen können.

Initiatorin Hisa Enomoto

1. Was bewegt die Einwohner

Sorgen der Eltern um ihre Kinder

  • Angst vor Schilddrüsenkrebs in den verseuchten Gebieten
  • Sorgen um die Kinder bringen die Eltern zur Verzweiflung
  • Wunsch, dass die Kinder gesund bleiben
  • Stress für die ganze Familie, da die Kinder nicht draußen spielen dürfen
  • Seit der Aufhebung der Evakuierungsverordnung dürfen ehemalige Bewohner der stark verseuchten Gegenden einmal in drei Monaten in ihr Heim zurückkehren. Trotzdem ist die Gefahr der Strahlenbelastung eine große Sorge und die Unsicherheit groß. Man kann nicht einmal unbeschwert z.B. mit den Kindern die eigene Oma dort besuchen.

Essen und Gesundheit

  • Das Bewusstsein, dass man vielleicht selber an Krebs erkranken wird, ist ständig präsent.
  • Man erschrickt über all die Dinge (bezüglich Radioaktivität), die man erst im Nachhinein erfährt. Wenn auch Informationen anfangs unterdrückt wurden, hätte man es fast lieber gehabt, man hätte nie die Wahrheit erfahren. Die Leute, die in ihre verseuchte Heimat zurückkehren wollen, sind von all den Informationen jetzt nahezu erdrückt und völlig unentschlossen. Es herrscht Unsicherheit darüber, was an all den Medienberichten wahr ist und was nicht.
  • Es besteht Sorge beim Feldanbau, ob das überhaupt sicher ist.
  • Mit dem Messinstrument kann man jetzt selber den Strahlenwert des selbst angebauten Gemüses messen. Dadurch kann auch die Familie, solange das Essen im „grünen Bereich“ ist, davon essen kann (z.B. auch der erwachsene Sohn, der zuvor Sorge gehabt hat, dass das eigene Gemüse zu sehr verstrahlt ist).
  • Es bestehen große Unterschiede bei den Messungsergebnissen, z.B. beim Strahlenwert zwischen gekochtem und rohem Bambus! Das wurde zufällig von einer Bäuerin entdeckt, die Messungen durchgeführt hat, – in der Hoffnung, weitere sichere Verarbeitungsarten für Gemüse zu finden.

Flüchtlingsleben und Arbeit

  • Da die provisorischen Wohnungen gleichzeitig ein „Informations-Zentrum“ sind, mit den neuesten Infos, bleiben viele Leute extra dort.
  • Sie sind im Zwiespalt, wie lange sie in den provisorischen Wohnungen bleiben sollen, und wann es sicher ist, nach Hause zu gehen.
  • Viele wollen nach Hause.
  • In den verseuchten Gebieten, in denen man alle 3 Monate einmal sein Heim aufsuchen darf, fürchten sich viele davor, das zu tun, weil niemand weiß in welchem Zustand sich das Heim nach all der Zeit befindet. Vielleicht ist alles schon von Mäusen zerfressen.
  • Auch mit Entschädigungszahlungen können viele Probleme nicht gelöst werden, die Radioaktivität wird deshalb nicht verschwinden.
  • Es gibt keine Beschäftigungsmöglichkeit in den Flüchtlingslagern oder provisorischen Wohnungen. Was wird aus all den Menschen, die vorher in der Landwirtschaft tätig waren, vor allem aus den alten Leuten? Sie haben ja kein Land mehr.
  • Viele Menschen haben keinen Ort, an den sie gehen könnten, oder keinen Grund irgendwohin weg zu gehen und bleiben einfach in den Lagern. Es gibt ja oft keine Verwandtschaft in der Nähe. Die Menschen der älteren Generation, um die 70-80 herum, möchten oft einfach möglichst schnell sterben.
  • Es besteht Neid, ein Gefühl der Unfairness, z.B. zwischen Menschen, die Entschädigungsgeld erhalten und sich damit z.B. ein neues Auto gekauft haben, und solchen, die kein Entschädigungsgeld bekommen können. Zugleich sind diejenigen, die sich z.B. schon vor der Katastrophe ein Auto kaufen wollten, jetzt im Zwiespalt, denn sie möchten nicht, dass gedacht wird, sie hätten sich das Auto nur dank Erhalt des Entschädigungsgeldes leisten können.
  • Viele – besonders Jugendliche – klagen, dass Bewohner der provisorischen Wohnungen bevorzugt behandelt werden. Evakuierte, deren Häuser beschädigt oder weggeschwemmt wurden, erhalten natürlich mehr Entschädigungsgeld als diejenigen, die weiterhin in ihren eigenen Häusern wohnen können. Jedoch gibt es für letztere meist keine Arbeit, da vieles rundherum beschädigt ist.
  • Zu Veranstaltungen, die von den Hilfsorganisationen organisiert werden, kommen viele Leute sehr gerne, da sie selber nichts organisieren können. Da kein Eintritt verlangt wird, haben manche ein schlechtes Gewissen, andere jedoch werden – im Gegenteil machen sich von der Hilfe abhängig.

Was man gelernt hat, was man nicht vergessen möchte nach der Katastrophe

  • Es ist sinnlos, irgend jemandem die eigene Wut ins Gesicht zu schreien.
  • Viele bereuen nun, dass die Männer, die im Atomkraftwerk Fukushima (Touden) arbeiten oder gearbeitet haben, und nun auch in den provisorischen Wohnungen leben müssen, von den anderen unter Beschuss kamen, weil man ihnen die Schuld in die Schuhe schieben wollte. Dabei können die Arbeiter selber ja nichts dafür.
  • Ein Angestellter des Atomkraftwerks, der nach dem Reaktorausbruch mitgeholfen hatte, das Schlimmste zu vermeiden, gesteht erst ein Jahr nach dem Unfall zum ersten Mal, wie sehr er sich zu Tode gefürchtet hatte und meinte, zu sterben.
  • Seit Wasser von Hand mit Schubkarren etc. zu Fuß mühselig hin- und her transportiert werden muss, hat man gelernt, wie wertvoll Wasser ist und es wird auch sehr sparsam verwendet.
  • Menschen haben sich verändert, Nachbarn, die vor der Katastrophe sehr unangenehm waren, helfen nun bei den Haus- und Wandreparaturen der durch Tsunami verursachten Schäden.
  • Wir dürfen niemals zu vergessen, dass wir gerettet wurden!
  • Die Tatsache, dass aus ganz Japan sowie auch aus dem Ausland so viel Unterstützung wie auch Sympathie und Teilnahme eingetroffen sind, wird von den Bewohnern in den betroffenen Gebieten sehr hoch geschätzt und dient als Ermutigung.

2. Aktueller Zustand und weitere Aufgaben

Aus der Sicht der freiwilligen Helfer

  • Der Bestrahlungswert variiert nicht nur zwischen Städten und Wohngebieten, sondern auch zwischen benachbarten Häusern.
  • Bei der Feldarbeit muss man aufpassen, da die Strahlungswerte auf den brach liegenden dicht mit Gräsern bewachsenen Feldern besonders hoch sein können.
  • Den Helfern werden die Zuschüsse für die Autobahngebühren gekürzt.
  • Die Betroffenen reagieren ganz verschieden auf ihr Unglück, auch wenn das Schicksal und der Schaden, den sie erlitten haben, identisch sind. Manche sind optimistisch, andere geraten in tiefe Verzweiflung und Depressionen. D.h. die Unterstützung darf sich nicht prinzipiell nach der Schadengrösse, sondern muss sich nach der individuellen Psyche richten.
  • Der Zusammenhalt, der durch das gemeinsame Schicksal und die gegenseitige Hilfe entstanden ist während der letzten zwei Jahre, ist auch jetzt noch ganz wichtig.

Der AKW Unfall / Entschädigungszahlungen / Schadenersatz

  • Was die evakuierten Menschen angeht, gibt es drei Problembereiche, dieVorbereitungen zur Aufhebung der Evakuierungsverordnung, die auferlegten Einschränkungen in den bewohnbaren Gebiete sowie die Mühsal und Schwierigkeiten der Rückkehrenden. In Hironomachi können zum Beispiel seit letztem November die Menschen nur einmal alle drei Monate zwischen 9 und 16 Uhr in ihr Haus zurückkehren.
  • Auch wenn in den Gebieten innerhalb eines Radius von 20km Entfernung vom AKW die Evakuierungsanordnung offiziell aufgehoben werden sollte, ist die Übersiedlung in absehbarer Zukunft unrealistisch, was die Menschen zu tiefer Verzweiflung bringt.
  • Nachdem in Hironocho, 25 km vom Fukushima Atomreaktor entfernt, die Evakuierungsanordnung aufgehoben wurde, kehrten nur ca. 500 Leute der ursprünglichen 5000 Einbewohner in die Stadt zurück.
  • Es gibt Menschen, die heimkehren, und welche, die nicht heimkehren oder nicht heimkehren können.
  • Der Ablauf nach Abbruch der Entschädigungszahlungen ist unklar.

Müll Problem/ Aufräumungsarbeiten

  • Viel Müll bleibt stehen, da Einzelpersonen damit nicht fertig werden. Die Entsorgung verzögert sich.
  • Auch die mit Müll betrauten Organisationen stoßen an ihre Grenzen und können die Arbeit nur nach und nach erledigen.
  • Diese Organisationen weigern sich, Müll zu entsorgen, wenn sie fürchten oder die Gefahr besteht, dass der Inhalt verstrahlt sein könnte.
  • Manche Orte, die nur als vorübergehende Müllablage dienen sollten, sind überladen, da niemand den Müll abtransportiert. Das behindert die Aufräumungsarbeiten.

Die Berichte basieren auf Gesprächen, geführt von Hisa Enomoto mit Betroffenen und HelferInnen der betroffenen Regionen, in der Bemühung, Vorurteile zu vermeiden.

Falls solche im Text vorhanden sind, sind sie unbeabsichtigt.

 

Herzlichen Dank an:

Übersetzung von Gisela Kato, Textkorrektur von Elfriede Penzinger